Sonntag, 15. November 2009

Piggy Pest, Neues, Züge und gute Reise!

Die Schweinegrippe kommt! Aus Süden! HIIILFEEE!!!

Naja. Ich halte nichts von Panikmache. Und ganz freiwillig einfach so hätte ich mich nie impfen lassen, glaube ich. Aber seit vorletzter Woche Montag steht der Impfstoff zur Verfügung, und ich habe wirklich zwei Tage gesessen und über das Für und Wider sinniert. Dafür spricht, daß ich wohl ein kleiner Scheiße-Magnet bin. Und die Piggy Pest zusätzlich zu meinem ganzen anderen Müll, da bin ich nicht scharf drauf. Außerdem bin ich in gleich zwei Risikogruppen: Ich bin zwischen 14 und 24 Jahre alt (grad noch so ^^), und hier ist die Sterblichkeitsrate der an Schweinegrippe infizierten bisher am Höchsten, und außerdem bin ich gleich doppelt chronisch krank, wobei man die bipolare Störung wohl herausnehmen kann, die HIV-Infektion allerdings nicht. Und wer weiß, wie sich meine Hep noch entwickelt. Eine schwere Grippe oder Schweinegrippe würde einiges an Helferzellen kosten und wertvolle Therapieerfolge zunichte machen.

Dagegen spricht, daß die Impfung Nebenwirkungen hat, der Stoff ist nicht genug erforscht (man soll sich Schweden ansehen, wo man seit Mitte Oktober impft, und dort ist nichts an schwerwiegenden Nebenwirkungen passiert – Aber sind vier Wochen so aussagekräftig?) und außerdem ist der Impfschutz nicht mal 100%ig gegeben. Dann heißt es weiter, daß mehr Menschen jährlich an der normalen Influenza sterben, und der Krankheitsverlauf der Schweinegrippe stellt sich in etwa so dar, daß es einem drei Tage mies geht und es dann schon wieder vorbei ist.

Also... impfen, ja oder nein? Schauen wir uns die negativen Punkte gemeinsam an:

Der Impfschutz ist nicht zu 100% gegeben: Ganz sicher kann man sich nie sein. Aber wenn ich die Grippe doch bekomme, kann ich wenigstens sagen, daß ich versucht habe, was dagegen zu tun.

Mehr Menschen sterben an der normalen Grippe als an Schweinegrippe: Vielleicht sollte ich dann auch eine normale Grippeimpfung noch dranhängen? 2007 wurde ich mal auf Influenza getestet, der Test war negativ, aber kurz danach hab ich die Impfung gekriegt, die ich eigentlich 2008 und 2009 hätte auffrischen lassen müssen. Was ich nicht getan habe, und wie man sieht, bin ich vor der Grippe verschont geblieben. Ich fordere mein Schicksal eigentlich momentan nicht ganz so gerne heraus... Auch, wenn man so was relaxt sehen sollte. Wenn man sich gesund ernährt, sich bewegt, viel an der frischen Luft ist und sich im Winter nicht zu lange und zu oft in stickigen, viel besuchten Räumen aufhält (U-Bahn, Arztpraxis, CLUBS!), sollte man eine gut funktionierende Abwehr haben. Allerdings war mein Körper in den letzten zwei Jahren auch ein bisschen stärker als zur Zeit. Ich bin mächtig angeschlagen, deswegen sollte ich mich besser schützen.

Lascher Krankheitsverlauf: Das ist der Krankheitsverlauf bei gesunden Menschen. Und selbst, wenn es bei mir ähnlich wäre, könnte ich sagen: fiebrig mit Gliederschmerzen, Kreislaufproblemen und so weiter fühle ich mich fast jede Woche nach meiner Interferonspritze. Die drei Tage mit Schweinegrippe würde ich auch noch überstehen... Aber wie reagiert mein geschwächter Körper, dessen Abwehr alle Hände voll zu tun hat mit HIV und HCV, auf noch ein Virus?

Der Impfstoff hat Nebenwirkungen: Das sind laut Johannes Löwer vom Paul-Ehrlich-Institut Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle, mehrtägige Kopf- und Gliederschmerzen, einige Menschen berichten von Abgeschlagenheit oder „grippigem Gefühl“. Nun... Wenn ich mir meine Interferonspritze am Montag setze, wird die Einstichstelle am Bauch oft rot, fängt an zu jucken. Spätestens Dienstag stellt sich Fieber ein, ich fühle mich schlapp, müde, bekomme Kopfschmerzen, kann mich nicht bewegen, weil mir alles weh tut. Manchmal sehe ich verschwommen, habe Schmerzen in den Augen, kann Geräusche oder Gerüche nicht ertragen, bin empfindlich überall am Körper oder bekomme rote Flecken am Bauch rund um die Einstichstelle. Also, viel schlimmer als das kann die Anti-Piggy Pest-Spritze ja nicht sein...

Bleibt noch eins: Die wenige Erforschung des Impfstoffs. Naja, sind wir nicht alle Versuchskaninchen? Und was soll groß passieren? Daß mir ein dritter Arm wächst? Der Stoff wird HIV Positiven sogar ans Herz gelegt, also verträgt er sich wohl mit meinen Medikamenten. Es haben sich jetzt so viele impfen lassen... Aber... wer weiß, wie die Langzeitfolgen aussehen? Erinnern wir uns mal an den Conterganskandal in den frühen 60ern. 4 Jahre lang wurde Schwangeren das Medikament Contergan gegen Schwangerschaftsübelkeit und zur Beruhigung empfohlen, und etliche Kinder kamen missgebildet zur Welt. Nun bin ich nicht schwanger und nicht mal eine Frau, aber Erbanlagen hab ich auch, und vielleicht will ich die ja doch mal weitergeben. Ist nicht geplant, aber you never know. Und wenn nun dieser Impfstoff, bzw die nicht ausreichend erforschten Adjuvantien, irgendwas in meinen Erbanlagen verändern? Oder sich negativ auf meinen Körper auswirken? Vielleicht fördert es ja die Bildung von Krebszellen oder so? hmmm...

Der letzte Punkt war der, über den ich am längsten gegrübelt habe. Ich musste Montag sowieso zu meinem Doc, um mir dort die Spritze geben zu lassen. Die kommen im 4er-Pack und müssen kühl gelagert werden. Da ich keinen Kühlschrank im Zimmer hab, hol ich mir die Spritze immer frisch montags beim hauseigenen Doc ab. Und da hab ich ihm gesagt: „Jetzt gib mir halt die Impfung, bevor ich noch weiter drüber nachdenke.“ Ein Pieks und schon war’s passiert. Jo ist geimpft.

Ich hab mir meine Interferonspritze gesetzt, beim Mittagessen wie immer meine Pillen genommen, beim Abendessen meine Pillen genommen und habe mich abends, wie sehr oft, schlapp gefühlt. Ich wollte ins Bett, liegen, Augen zu machen... Und das hab ich auch gemacht. Und gemerkt, daß ich Fieber habe. Auch nichts neues.

Am nächsten Morgen habe ich meinen Bauch – Einstichstelle Interferon – und meinen Arm – Einstichstelle Schweinegrippeimpfung – untersucht. Am Bauch war die Stelle rot und wieder aufgekratzt. Oft kratze ich mich im Schlaf, was ich nicht mitbekomme und weswegen ich mir eigentlich immer ein großes Pflaster auf den Bauch mache. Aber das kratze ich dann auch manchmal runter... Und der Arm sah aus wie immer. Man hat nicht mal mehr das kleine Loch in der Haut gesehen, das die Nadel gemacht hat. Ich konnte mich normal bewegen. Manchmal hat man ja nach einer Impfung muskelkaterähnliche Schmerzen in dem Muskel, in den geimpft wurde. Bei mir nicht. Ich hatte immer noch Fieber, ich habe mich immer noch nicht berauschend gefühlt, aber ich konnte nicht sagen, ob das vom Interferon oder von der Impfung kam.

Jetzt könnte ich jeden Tag im einzelnen auseinander nehmen, aber das würde langatmig. Ich fasse zusammen: Auffälliges ist nicht passiert. Und auch in der folgenden und dieser Woche hat sich bisher nichts getan. Am Montag Abend war ich wieder schlapp, Dienstag wurde ich mit Fieber wach, Mittwoch Nachmittag war das Fieber weg. Behaupten wir also einfach mal, daß ich die Impfung gut vertragen habe. Und, sollte in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren irgendwas auffälliges passieren, werde ich darüber berichten und mich der Forschung als Versuchsobjekt zur Verfügung stellen ^^

Aber kommen wir zu dem anderen wichtigen Thema: Es hat sich was verändert in meinem Alltag. Es ist bekannt, daß es mir oft nicht so gut geht und ich manchmal mehr Ruhe brauche als andere. Deswegen war ich hier für die Küche zuständig, statt ein Praktikum zu machen. In der Küche konnte ich ausfallen, es war nicht so wichtig, und ich hatte trotzdem Arbeit mit klaren Aufgaben. Ich hatte einen Paten, den bekommt jeder Neue hier zugeteilt, aber dieser Pate hat seine Zeit hier zu Ende gebracht und ist vor einigen Wochen gegangen. Was nicht schlimm ist, ich bin ja lange genug hier und hatte mit dem eh nicht viel zu tun.

Aber nun stellt euch mal vor, wie Jonathan sich eine schwarze Hose und ein weißes Hemd anzieht, die Krawatte umbindet und ein Sakko überzieht (das habe ich extra dafür angeschafft!) und dann ganz alleine 500 m die Straße hinunterspaziert, um in der örtlichen Volksbank ein Praktikum zu machen. :-)

Das ist der Job, den ich gelernt habe. Natürlich nicht Praktikant. Ich habe keinen direkten Kundenkontakt, ich helfe lediglich beim Papierkram, durfte auch schon mal einen Anruf machen und einen Kunden in die Filiale zu einem Termin einladen. Es ist immer noch der gleiche, eingestaubte Beruf, aber es macht trotzdem irgendwie Spaß. Alle sind freundlich zu mir, ich habe ein klitzekleines Bisschen Verantwortung, und das hat mir wahnsinnig viel Kraft gegeben. Ich hab mich in den letzten Wochen oft matschig gefühlt und war körperlich nicht ganz auf der Höhe, Donnerstag und Freitag war ich dann auch wieder im Krankenhaus, um eine Transfusion zu bekommen. Mit so wenig Blut lebt es sich nicht besonders gut... Und es ist definitiv meine letzte während der Therapie. Noch 4 Spritzen, dann hab ich es hinter mir. Die Wochen überstehe ich auch mit dem Blut, das ich jetzt in mir habe! Und es war eine Arbeit, das durchzusetzen... Ich wollte die Transfusion alleine bezahlen, aber so einfach ist das nicht. Man kann nicht zum Arzt gehen und sagen, „Einmal hier Fett absaugen, das Tattoo weglasern und einen halben Liter Blut zum Mitnehmen bitte, senden Sie die Rechnung an meine Privatadresse.“ Man hat sich aber sehr lieb für mich bei der Krankenkasse eingesetzt. Und jetzt hab ich noch mal Blut gekriegt. Ein allerletztes Mal während der Interferontherapie. Uff... ich bin darüber so glücklich! Und fühle mich wirklich wieder viel, viel besser.

Letzte Woche Mittwoch nach dem Frühstück kam mein Betreuer zu mir. Der hat gesagt, daß am Nachmittag jemand mit Hep C einziehen würde, der schon unter Therapie ist, und er hat gefragt, ob ich nicht die Patenschaft für den übernehmen will. Das war ein tolles Gefühl! Ich kriege meinen eigenen Schützling, man traut mir so eine Aufgabe zu! Ich habe zugesagt und ihn nach dem Mittagessen kennen gelernt. Er ist in meinem Alter, seinen Namen mag ich hier nicht reinschreiben. Ist aber auch nicht so wichtig.

Wir haben uns ein bisschen unterhalten, er hat mir viel von sich erzählt, wie er an das Virus gekommen ist und so... Ich weiß noch, wie ich hier hin kam und es einen gab, der noch drei Spritzen vor sich hatte. Drei. Ich war so neidisch... Jetzt hatte ich jemanden vor mir, dessen Therapie auf 48 Wochen ausgelegt ist und der davon gerade mal 8 Spritzen gekriegt hat... Bleiben 40. Ich habe jetzt 20 von 24. Er hat mir Leid getan... und ich habe in seinem Blick gesehen, daß da genau der Neid bei ihm war, den ich hatte, als ich hier herkam und den Kerl gesehen habe, der die ganze Scheiße quasi schon hinter sich hatte... Aber er wird es schaffen. Ich hab ihm gesagt, daß alles irgendwann ein Ende hat. Er wird einen Tag nach dem anderen hinter sich bringen. Er soll eine Stunde durchhalten, die geht um. Und wenn man die Stunde geschafft hat, dann schafft man es auch bis zum Frühstück. Von da ist es nicht mehr lange bis zum Mittagessen, und dann hält er es auch bis zum Abendessen aus. Und dann hat er den ersten Tag schon geschafft! Und wer einen ganzen Tag schafft, der schafft auch eine Woche. Nur vier Wochen sind bereits ein Monat, und nur 12 Monate sind ein Jahr. So geht es weiter, von einer Spritze zur nächsten, und ehe man es sich versieht, ist die schlimme Zeit vorbei.

Ich danke meinem Soulmate, daß er mir das beigebracht hat.

Ihr habt ja sicherlich gelesen, daß ich für Stephen Gately einen Beitrag hier gepostet habe. Er ist gestorben, viel zu jung, und der Verlust war tragisch. Nun ist etwas neues passiert. Und ich bin fassungslos.

Ich möchte mich vorab bei allen Fußballfans entschuldigen. Sicherlich wird mein eigener Freund mich steinigen, aber ich kann dem Sport halt nicht viel abgewinnen. Aber bis vor wenigen Tagen wusste ich nicht, wer Robert Enke ist.

Was hat er gemacht? Was hat er geleistet? Wo kam er her? Nun, er kam aus Jena, ist 32 Jahre alt geworden und war Fußballspieler, genauer gesagt Torwart bei Hannover 96 und in der deutschen Nationalelf. Er war sogar mal Hürdenläufer. Er hat seine kleine Tochter verloren, mit seiner Frau ein Kind adoptiert, sich bei PETA und den Tierschutz engagiert und lebte auf einem Bauernhof mit vielen Tieren.

Er hatte Depressionen und hat sich deswegen das Leben genommen. Und 45.000 (in Worten: FÜNFUNDVIERZIGTAUSEND, das ist ein bisschen mehr als die Bevölkerung von Oranienburg!) Menschen zelebrieren deswegen eine Trauerfeier. Präsentiert von bild.de!

Es ist in Ordnung, wenn Menschen trauern. Es ist in Ordnung, wenn Menschen einem Toten ihren Respekt erweisen. Es ist traurig um Herrn Enke, auch, wenn er erst sterben musste, damit ich erfahre, daß es ihn gegeben hat.

Aber hat mal jemand an den Bahnfahrer gedacht?

Nun, wahrscheinlich werde ich nie Stadien füllen, wenn ich gehe. Wahrscheinlich wird bild.de deswegen nicht zur gemeinsamen Trauerfeier trommeln (einer Veranstaltung, die den engen Familienmitgliedern und Freunden vorbehalten sein sollte, um sich verabschieden zu können, und nicht zu einem medienwirksamen Massenspektakel gemacht werden, zudem mehr sensationsgeile Spinner aus der „Ich war dabei!“-Fraktion auftauchen als ernsthaft und tief trauernde Angehörige). Und wahrscheinlich werden Zeitungen keine Exklusivausgaben, Fernsehsender keine Sonderberichte veröffentlichen, um meiner zu gedenken.

Ich bin Jonathan Möller, gelernter Bankkaufmann aus Berlin, 24 Jahre alt. Ich bin Autor, habe mich ehrenamtlich für HIV Positive engagiert (und will es wieder tun), habe zwei Frettchen und einen Hund adoptiert und habe schon mehrmals in Zoohandlungen Geld für den Tierschutz gespendet. Und ich bin manisch-depressiv. Wo ist meine Parade?

(Trotzdem ein paar ehrliche Worte über die Krankheit von Herrn Enke, damit man mich nicht für ungerecht oder pietätlos hält: Aus eigener Erfahrung weiß ich, was Depressionen mit einem anstellen können. Alles ist grau, sinnlos, der Tag fließt zähflüssig an einem vorbei, alles geschieht mechanisch. Mehrmals habe ich versucht, zu fliehen, weil ich es nicht mehr ertragen habe. Ich habe mir in die Arme geschnitten, Medikamente geschluckt, mir eine Überdosis gesetzt... Und oft habe ich getrauert, weil die Versuche Versuche geblieben sind. Ich habe versucht, mit Drogen aus dem Grau zu fliehen, was erschreckend gut funktioniert hat – bis zum Crash.

Depressionen können durch verschiedene Dinge ausgelöst oder verstärkt werden. Bei mir waren es Streits mit Olli oder Steffan, bei Robert Enke sicherlich der Verlust seiner kleinen Tochter. Vielleicht hätten ihm Medikamente geholfen, vielleicht hätte er anders psychologisch betreut werden müssen. Am Ende hilft alles Spekulieren nicht: Er hat sich entschlossen, zu gehen. Er hat nicht den schönsten Weg gewählt. Es ist verachtenswert, sich vor einen Zug oder auf eine Autobahn zu stürzen und sich von einem anderen Menschen umbringen zu lassen, der gar nichts dafür kann. Er hätte es auf andere Weisen tun können. Warum er den Zug gewählt hat, wird nur er selbst gewusst haben...

Aber möge er in Frieden ruhen. Und hoffen wir, daß seine Frau, seine Adoptivtochter und vor allem der Zugführer irgendwann mit der Situation umgehen können und nicht ein Leben lang leiden müssen...

Ein ganz anderes Thema: Ich+Ich hat meinem Soulmate und mir eine neue Hymne geschrieben, und dafür bin ich dankbar. Ich konnte das neue Album kaum abwarten! Keine Band hat mit ihren Texten bisher so sehr mein Herz getroffen... Jede Zeile passte auf mich und meinen allerbesten Freund, meinen Soulmate.

„Und jetzt die Gewissheit, die mir keiner nimmt: Wir waren von Anfang an füreinander bestimmt.“ :-)

Als ich Freitag aus dem Krankenhaus geholt wurde, habe ich gebettelt, daß wir an einem Elektronikmarkt anhalten. Und da hab ich mir dann gleich das neue Album geholt... *schnief* Sooo schön! Musik für Soulmates... Für immer Olli und ich :-)

Und Olli hat mich mit auf eine Zeitreise genommen. Ich hätte nicht gedacht, daß das geht, aber wir sind seitdem wirklich noch enger aneinander gewachsen. Er ist mir noch näher, er hat mir viel Kraft gegeben. Irgendwann will ich mit ihm zusammen am Tisch sitzen, bei heißer Schokolade mit viel Sahne, einer Schüssel Keksen und mit einem Berg Fotos auf dem Tisch, und mit ihm gemeinsam eine Zeitreise in seine und in meine Vergangenheit machen. Mal sehen, ob ich mal über meine Unterwäsche lachen werde. :-P

Ach ja, ich will an dieser Stelle noch mal Werbung in eigener Sache machen: Man findet mich auch bei Twitter (jo3o), Facebook und MeinVZ (beides unter meinem vollen Namen, Jonathan Möller). Sobald ich wieder zu Hause bin, werde ich auch da öfter online sein. Und jeder, der immer up to date sein will, sollte sich Twitter zulegen. Da schreib ich immer dann rein, wenn ich einen neuen Blogeintrag reingestellt hab. Also genau jetzt. ;-)

Sonntag, 25. Oktober 2009

Einfach mal so

Hallo Leute!

Ich wollte eigentlich einfach mal kurz danke sagen... Für eure Kommentare, dafür, daß ihr noch da seid. Cinderella, Süße, ich hatte schon gedacht, dich gibt es gar nicht mehr... Aber danke für die Einladung ins Webalbum, die Fotos sind echt schön. :-) Und dein Kommentar war auch sehr passend und bewegend.

Bei mir tut sich auch ein bisschen was. In ein paar Wochen werde ich einen ersten kleinen Bühnenauftritt haben. Nichts großes, wahrscheinlich auch nichts öffentliches, aber etwas wichtiges für mich und mein Selbstbewusstsein.
Ich musste in der Theatergruppe um eine Rolle kämpfen. Mit meinem Gedächtnis ist es nicht allzu weit her, das liegt an den Medikamenten und den ganzen Belastungen. Texte konnte ich mir nicht oder nur schwer merken, was für ein kleines Theaterstück natürlich hinderlich ist... Deswegen hatte ich eine Idee. Wir haben die Musikgruppe, die Theatergruppe, die Gestaltungsgruppe und die Literaturgruppe zusammengeworfen und ein Musicalprojekt daraus gemacht. Die Literaturgruppe entwickelt mit uns von der Theatergruppe ein Stück, die Musikgruppe erarbeitet zusammen mit dem Orchester einer kleinen Musikschule hier aus diesem Ka- ääh, ich meine natürlich, diesem hübschen, niedlichen, kleinen, beschaulichen Ort, die Musik, die wir brauchen. Erst war geplant, etwas selbst zu schreiben, aber da gab es Streit. Also haben wir uns Musik anderer Künstler bedient, und so kam ich dann auch zu meiner Rolle. Ich werde singen! Und zwar etwas von Elton John...

Blue jean baby
LA lady
Seamstress for the band

Pretty eyed
Pirate smile
You'll marry a music man

Ballerina
You must have seen her
Dancing in the sand

And now she's in me
Always with me
Tiny dancer in my hand

Jesus freaks
Out in the street
Handing tickets out for God

Turning back
She just laughs
The boulevard is not that bad

Piano man
He makes his stand
In the auditorium

Looking on
She sings the songs
The words she knows, the tune she hums

But oh how it feels so real
Lying here with no one near

Only you
And you can hear me
When I say softly, slowly:

"Hold me closer, tiny dancer
Count the headlights on the highway
Lay me down in sheets of linen
You had a busy day today"

Den Song habe ich ausgewählt, weil er irgendwie für alles passte. Für das Stück, für mich, für meine Stimme... Und die anderen waren einverstanden.

Ich probe gerne und ich merke meine Grenzen. Es ist körperlich wieder schwerer für mich, Anfang der Woche bekomme ich wieder aktuelle Untersuchungsergebnisse, und je nachdem, wie die ausfallen, muss ich vielleicht wieder für einen oder zwei Tage ins Krankenhaus. Aber das wäre nicht so schlimm, ich weiß ja, daß es mir danach besser geht. Nur kriegt nicht jeder einfach so eine Bluttransfusion... Darum werde ich kämpfen müssen.
Aber ihr kennt mich ja. ;-)

Freitag, 16. Oktober 2009

Schwule Persönlichkeiten

Wenn man an große schwule Persönlichkeiten und ihr Werk denkt, die Dienste, die sie der Community geleistet haben, fallen einem schnell einige ein. Rosa von Praunheim zum Beispiel, der mit seinen provokativen Filmen die Menschen der 70er Jahre aufmischte. Dirk Bach, der sich schon 1999 mit seinem Partner verlobt hat, aber erst heiraten will, wenn Heteros und Homos bei der Ehe völlig gleichgestellt sind. Oder Georg Uecker, der mutig 1987 in der ARD-Serie „Lindenstraße“ einen Mann küsste.

Wenn man an berühmte Zitate von schwulen Mitmenschen denkt, fällt einem schnell Klaus Wowereit ein: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so!“ Und Harvey Milk, erster schwuler Stadtrat von San Francisco, sagte einmal: „All young people, regardless of sexual orientation or identity, deserve a safe and supportive environment in which to achieve their full potential.”

Aber wer erinnert sich an den Mann, der 1999 in der britischen “Sun” verkündete: „I’m gay and I’m in love!”?

Die meisten werden sich darüber keine Gedanken mehr machen, wenn ein Sänger, Schauspieler, Künstler sich outet. Das ist so, damit kann man gut leben und es rüttelt die Öffentlichkeit nicht mehr auf. Von vielen Künstlern hat man es irgendwie schon immer gewusst, andere treten gleich von Anfang an als schwul in die Öffentlichkeit, bevor ihre Karriere überhaupt begonnen hat.

Doch woran liegt es, dass sich Mitglieder von Boygroups plötzlich outen, wie Lance Bass von NSYNC oder Mark Feehly von Westlife? Was hat sie so sicher gemacht, daß ihre Fans auch nach so einer Nachricht zu ihnen stehen würden und es nicht das Ende ihrer Karriere bedeutet? Wer hat den Anfang gemacht und aller Welt gezeigt, daß es nicht schadet, zu sich, seiner Sexualität und seinem Partner zu stehen?

Der junge Mann, der sich vor 10 Jahren öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte, hieß Stephen Gately.

Mir machte diese Nachricht damals Herzrasen. Ich las es in einer Jugendzeitschrit und starrte mit hochrotem Kopf, bollerndem Herzen und zitternden, schitzig-kalten Fingern diesen Artikel an. Da war einer, gerade 23 Jahre alt, und sagte, daß er schwul ist. Einfach so!

Damals war ich mir noch nicht ganz sicher, daß ich selbst schwul bin. Ich war mitten in der Pubertät, wusste, daß Männer mir gefielen. Aber, schwul, sowas konnte nicht sein, sowas gehörte sich doch nicht. Das hatte mir doch schon mein großer Bruder eindrucksvoll damit bewiesen, daß er ein schwules Pärchen zusammengeschlagen hat. Eine solche Abnormalität konnte ich nicht sein… Aber dieser junge Mann da, der mit seiner Band Boyzone in Europa und Asien, vor allem in England und Irland, riesige Erfolge feierte, traute sich, offen zu sagen, daß er auf Männer steht!

Das hat mich beeindruckt. Auch, wenn ich nie geglaubt hätte, daß ich mal eine ähnliche Stärke beweisen würde. Doch ich selbst war erst 21 Jahre alt, als ich der Welt meinen Mittelfinger zeigte, meinen Hürdenlauf veröffentlichte und jedem, ob er es hören wollte oder nicht, sagte: „I’m HIV positive and I love my life!” Und ich durfte erfahren, was auch Stephen Gately so erfahren hat: Es kommt nicht darauf an, was du bist, sondern wer du bist.

Am 10. Oktober 2009 ist Stephen Gately verstorben. Erstickt aufgrund eines akuten Lungenödems, man vermutet, in Folge eines Fehlers am Herzen. Er wurde 33 Jahre alt.

In Deutschland hat man lange nichts von ihm gehört oder gesehen. Im britischen Fernsehen tauchte er immer mal wieder auf (Die unter euch, die in Großbritannien leben, werden wissen, wovon ich rede). Er war kein großer herausragender Star, keine

Weltgröße wie Michael Jackson. Und trotzdem hat mich sein Tod viel mehr berührt als der des King of Pop im Sommer. Ob das daran liegt, daß Michael Jackson viel weiter weg war, unantastbarer als Stephen Gately, daran, daß Stephen Gately schwul war so wie ich und Michael Jackson eher durch Gerüchte über seine Pädophilie sexuell in Erscheinung trat, daran, daß Michael Jackson mit seinen 50 Jahren, einem Leben voller Karriere und Erfolg eher mit seinem Leben abgeschlossen haben könnte als Stephen Gately, der ein 33jähriges, bodenständiges und kurzes Leben geführt hat, oder daran, daß es dieses eine Erlebnis gab, das mich so sehr geprägt hat – die BRAVO und mein feuerroter Schädel – kann ich nicht sagen. Aber das muss ich auch nicht.

Morgen soll Stephen Gately in Dublin beigesetzt werden. Sicherlich wäre es übertrieben, den Tag in schwarz zu verbringen, zu trauern und die guten Gedanken absichtlich zu verdrängen. Aber ich werde Stephen Gately eine Gedenkminute schenken und eine Kerze anzünden.

Zum Schluss noch ein Zitat des Sängers, das sicherlich nicht die Berühmtheit eines Harvey Milk erreichen wird, aber mindestens genauso tief geht:

If you can’t choose what to be you can choose what to dream.

Rest in peace, Stephen.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Newsflash

Hallo, meine Lieblingsleser!

Ich habe lange nichts mehr von mir hören/sehen/lesen lassen, und das tut mir Leid. Mein Umzug war anstrengend, hat mich wieder ein wenig aus der Bahn geworfen. Große Veränderungen sind eben nicht leicht für mich, daran muss ich mich gewöhnen und lernen, damit zu leben. Das klappt von Woche zu Woche besser, auch, wenn es mir manchmal körperlich gar nicht gut geht.

Die Interferontherapie läuft. Sie läuft sogar sehr gut. Ende September habe ich die wundervolle Nachricht bekommen, daß bei mir keine Viren mehr nachweisbar sind. Das ist gut! Wenn es so weitergeht, sieht es gut aus, daß ich die Hep C loswerde... ganz sicher können wir aber erst sein, wenn die Therapie gut zu Ende gebracht wurde und auch ein halbes Jahr danach keine Viren mehr nachweisbar sind. Ich freue mich aber trotzdem schon über den kleinen Erfolg, weil die Nebenwirkungen für mich an manchen Tagen nur schwer zu ertragen sind und ich mir nichts mehr gewünscht habe, als daß sich die ganzen Qualen auch lohnen...

Steffan konnte mich bisher noch nicht besuchen, und er fehlt mir sehr. Momentan hat er Ferien, verbringt die erste Woche in Manchester. Ich hätte ihn gern begleitet... aber es ging einfach nicht. Nun hoffe ich, daß er schon diesen Sonntag kommen kann. Auf jeden Fall kommt er nächste Woche Sonntag, und darauf freue ich mich sehr. Ich darf nur sonntags Besuch empfangen, Steffan ist sehr weit weg... Das ist neu für mich. Aber es muss so sein. Ich habe viel Zeit zum Nachdenken, ich lerne, anders mit mir umzugehen. Jeder Tag ist ein Kampf, morgens habe ich Angst vor neuen Herausforderungen, vor Nebenwirkungen, vor schwierigen Gesprächen. Aber abends gehe ich stolz ins Bett.

Olli und ich halten Kontakt, so gut es geht. Ich würde ihm gern öfter schreiben, aber abends, wenn ich mal Freizeit habe und an den Computer könnte, bin ich oft von meinen Medikamenten so erschlagen, daß ich nicht mehr richtig sitzen kann. Es gibt Tage, an denen sehe ich nur verschwommen oder werde schon vom geringsten Licht schmerzhaft geblendet. Ich habe mit Gliederschmerzen zu kämpfen, bin tagsüber häufig müde, dafür nachts schlaflos. Aber viele Menschen geben mir viel Kraft. Es liegen nur noch 9 Spritzen vor mir, 9 von 24. Der Countdown läuft! Und wenn die Nebenwirkungen ganz schlimm werden, denke ich an die Zeit im Entzug. Daran, wie mir oft die Hände gezittert haben, daran, daß mir oft schlecht war, mein Körper sich anfühlte, als würde er von innen her zerrissen. Die Zeit habe ich auch überwunden, das habe ich gemeistert, also werde ich die Interferonzeit auch rumbekommen.

Aus den vielen Erfahrungen und Eindrücken schöpfe ich auch Energie. Viel kreative Energie, Kraft für neue Ideen, Texte und Geschichten. Und wenn alles überstanden ist, werde ich neu durchstarten. Wie sich das für einen Hürdenläufer gehört.

Donnerstag, 3. September 2009

Moving

Ich ziehe um. Am Sonntag schon. Steffan wird mit dem Auto kommen und mich abholen, dann fahren wir zu meinen Eltern. Dort in der Nähe gibt es einen Ort, an dem ich mindestens die nächsten 16 Wochen verbringen werde.
Es geht mir ganz gut, Olli hat gesagt, daß er merkt, daß ich Fortschritte mache. Mit dem Interferon läuft es wie immer... Nachdem ich für einen Tag im Krankenhaus war und eine Transfusion gekriegt hab, geht es eigentlich besser. Jedenfalls kann ich wieder ein bisschen Sport machen und bin tagsüber nicht mehr so müde, schwindelig ist mir auch seltener.
Mein Heimweh macht mir ein bisschen zu schaffen, allerdings genieße ich auch die Ruhe und kann mich gut erholen. Die 16 Wochen in Schwaben halte ich auch noch durch. Steffan wird mich leider kaum besuchen können und natürlich bin ich nervös, aber es wird schon alles seine guten Seiten haben. Auf jeden Fall freue ich mich, daß Steffan am Sonntag kommt. Eine Nacht werden wir bei seinen Eltern schlafen, darauf freue ich mich noch mehr. Wir haben so lange keine Nacht mehr zusammen gehabt. Es geht mir auch gar nicht so um Sex, eigentlich will ich viel lieber nur neben ihm liegen und seine Hand halten. Oder noch besser: Meinen Kopf auf seine Brust legen und in seinen Armen schlafen.

Ich hoffe, in den nächsten Wochen auch ab und zu bloggen zu können.

Ich denke an euch!

Euer Jo